Mukoviszidose (Zystische Fibrose) ist eine der häufigsten angeborenen Stoffwechsel-Erkrankungen. In Deutschland sind etwa 8.000 Menschen betroffen; ihre Lebenserwartung ist deutlich reduziert. Ursache der Erkrankung, die trotz immer besserer Behandlungsmethoden bislang unheilbar ist, ist eine Genmutation, aufgrund derer bestimmte Eiweißbausteine auf der Zelloberfläche nicht mehr richtig arbeiten können. Die körpereigene Qualitätskontrolle des Immunsystems zerstört diese Bausteine – allerdings leider zu voreilig: Eine Restaktivität der fehlerhaften Eiweißpartikel würde nämlich dazu ausreichen, die Symptome der schweren Stoffwechselstörung deutlich zu mildern. Kanadische Forscher haben nun zusammen mit Kollegen der Universität Bonn genauer untersucht, auf welche Weise die Zelle die defekten Bausteine zerstört (siehe siehe Science, Online-Vorabveröffentlichung am 1.7.2010). Sie hoffen dadurch auf neue Möglichkeiten, die körpereigene Qualitätskontrolle auszuhebeln.
Der Name Mukoviszidose hat lateinische Wurzeln und bedeutet soviel wie „zäher Schleim“. Damit trifft die Bezeichnung genau ins Schwarze: Durch eine Genmutation sind bei den Betroffenen bestimmte Ionenkanäle auf der Zelloberfläche verändert. Diese Kanäle schleusen normalerweise Clorid-Ionen nach außen. Chlorid wirkt osmotisch: Es bewirkt, dass Wasser aus den Zellen in die Umgebung austritt. Dieser Effekt hält beispielsweise den schützenden Sekretfilm in der Lunge dünnflüssig. Die Flimmerhärchen in den Bronchien können dann den Schleim mit darauf sitzenden Fremdstoffen und Bakterien problemlos abtransportieren. Ohne Chlorid kommt dieser Transport aber nahezu zum Erliegen. Chronische Infekte und schwere Lungenentzündungen sind die Folge.
Paradoxerweise verschärft die zelleigene Qualitätskontrolle das Krankheitsbild bei Mukoviszidose noch zusätzlich: Die fehlerhaften Kanäle wären nämlich sehr wohl noch in der Lage, Chlorid zu transportieren – wenn auch schlechter als normal. Das Problem ist nur: Der Körper lässt sie nicht. „In der Regel sortiert die Zelle die defekten Kanäle direkt nach der Produktion aus“, erklärt Professor Dr. Jörg Höhfeld vom Institut für Zellbiologie. „Das heißt, sie gelangen nicht einmal zu ihrem Arbeitsplatz in die Zellmembran, die die Zelle umgibt.“
Seit einiger Zeit versuchen verschiedene Forschergruppen daher, die körpereigene Qualitätskontrolle zu unterbinden. Ihre Idee: Die Chloridkanäle sollten so in die Membran gelangen und dort mit ihrer Restaktivität dafür sorgen, den zähen Schleim zu verflüssigen. Leider verfährt der Körper aber wie so oft nach dem Motto „doppelt genäht hält besser“: Wenn man die Überwachung der frisch produzierten Kanäle abschaltet, gelangen diese zwar in die Membran. Dort werden sie dann aber durch einen zweiten Kontrollmechanismus entdeckt, wieder in die Zelle verfrachtet und zerstört.
Höhfeld hat zusammen mit seinen Kollegen von der kanadischen McGill-Universität aufgeklärt, wie dieser zweite Kontrollschritt funktioniert. „Die Überprüfung der Chloridkanäle in der Membran ist Teamsache“, fasst er die Ergebnisse zusammen. „Es müssen viele verschiedene Komponenten zusammen arbeiten, um die fehlerhaften Kanäle zu identifizieren, mit dem Aufkleber defekt zu versehen, in die Zelle zurückzubefördern und dort zu zerstören.“ Die gute Nachricht: Einer der Teamplayer arbeitet bei beiden Qualitätskontrollen mit – also sowohl in der Membran als auch bereits direkt nach der Produktion der Kanäle. Die Forscher suchen nun nach Wegen, diese Komponente zu hemmen und damit beide Überprüfungs-Mechanismen auf einen Streich auszuschalten. Dann hätten die fehlerhaften Chloridkanäle endlich freie Bahn, ihre Restaktivität auszuleben. „Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg“, betont Jörg Höhfeld.