Menschen, die regelmäßig Alkohol trinken, gehen bei Operationen das Risiko erheblicher Lungen-Komplikationen ein. Das berichten Wissenschaftler der Charité - Universitätsmedizin Berlin in der aktuellen Ausgabe des Magazins Alcoholism: Clinical and Experimental Research (2008, Band 32, Seite 331-8). Dass Alkohol das Immunsystem erheblich schwächen kann, haben die Forscher um Prof. Claudia Spies, Leiterin der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, zunächst an Mäusen nachgewiesen. Sie führten an den Tieren, die sie an das Trinken von Alkohol gewöhnt hatten, einen kleinen operativen Eingriff durch und setzten sie dann einem sehr häufigen Lungenentzündungs-Erreger (K. pneumoniae) aus. Das Ergebnis: Die an Alkohol gewöhnten Mäuse erkrankten zwei bis fünf Mal häufiger an Lungenentzündung als abstinente Artgenossen – und das, obwohl sich in ihrem Blut deutlich erhöhte Mengen an den Abwehr-Botenstoffen Interleukin 6 und 10 fanden.
„Ähnliches haben wir auch bei Menschen festgestellt, die häufig Alkohol trinken und dann operiert werden müssen“, erläutert Prof. Spies. Dabei genügen schon verhältnismäßig geringe Mengen Alkohol, um den Effekt zu erzeugen. „Schwere Lungen-Komplikationen sind bereits bei Patienten zu beobachten, die drei Monate vor der Operation jeden Tag drei Gläser Bier oder zwei Gläser Wein getrunken haben. Derartige Trinkgewohnheiten gibt es bei etwa 20 Prozent der Bevölkerung“, berichtet Spies. Sie plant jetzt, Medikamente zu entwickeln, die später auch das Immunsystem frisch operierter Patienten bei der Abwehr gefährlicher Erreger unterstützen sollen. Mit ersten Ergebnissen sei aber nicht vor Anfang des nächsten Jahres zu rechnen.
Die Forschergruppe um Prof. Spies ist derzeit die einzige in Deutschland, die sich mit den Auswirkungen von Alkohol auf das Immunsystem befasst. Dabei ist das Problem in Kliniken allgegenwärtig: „Etwa 50 Prozent aller Patienten, die als Notfall eingeliefert werden, haben Alkohol im Blut“, schätzt Spies. Menschen, die eine bevorstehende Operation planen können, sollten in den Monaten vor dem OP-Termin ihren Alkoholkonsum möglichst einschränken. Ein völliger Verzicht sei andererseits nicht nötig, zumal auch der Schock eines Totalentzugs sich nachteilig auswirken könne. Wichtig sei es, dass die Ärzte die Patienten vor einer Operation eingehend nach deren Trinkgewohnheiten befragen. „Es kann Leben retten, wenn man auf Komplikationen vorbereitet ist“, meint Spieß.